Seit Menschengedenken halten Menschen ihre Gedanken, Erlebnisse und Gefühle in Tagebüchern fest. Man nennt dies „autobiografische Aufzeichnungen“ – Selbstzeugnisse in chronologischer Abfolge, ohne das primäre Ziel einer Veröffentlichung. Auch Psychologen arbeiten in ihrer Therapie mit Tagebüchern. Kaum ein anderes Medium eignet sich als Instrument zur Selbstreflexion wie das Tagebuch.
Nur was für Mädchen?
Mancher Mann rümpft über das Tagebuch schreiben die Nase. Nix für Männer. Nur was für Mädchen, so ein Frauending? Ganz und gar nicht. Ich will versuchen, mit diesem Beitrag etwas aufzuräumen. Nebenbei gesagt, der Beitrag will sich nicht vollumfänglich mit dem Thema Journaling befassen, sondern sondern nur eine Anregung sein, mal über den Tellerrand zu gucken.
Auch für Männer!
Männer reden nicht gern über Gefühle. Okay, sie machen es mehr als früher, als „Mann“ alle Ängste, Traurigkeit und andere Gefühle mehr oder weniger in sich reinfraß, um irgendwann mit ernsthaften psychischen oder psychosomatischen Problemen den Arzt aufzusuchen. Selbstreflexion ist wichtig. Immer mal wieder eine gedankliche oder gefühlsmäßige Standordbestimmung. Das muss sein. Und wenn ein Mann ein wenig davor zurückschreckt, mit jemandem darüber zu reden, was ihn bewegt oder wie er sich fühlt, dann ist ein Tagebuch ein vertrauenswürdiger „Freund“.
Analog oder digital?
Soll ich mit dem Stift schreiben? Mit einem Füllfederhalter, Bleistift, Kugelschreiber auf Papier? Oder lieber tippen? Mit der Tastatur auf dem Computer. Das ist ziemlich egal. Wichtig ist nur, dass die Gedanken, die ich festhalte, vertraulich bleiben. Ein Tagebuch aus Papier sollte sicher in einer verschlossenen Schublade verwahrt werden. Ein digitales Tagebuch, sollte durch ein Passwort vor neugierigen Blicken geschützt werden.
Was ist denn besser? Tippen oder mit Stift schreiben?
Das kann man nicht eindeutig beantworten. Folge in diesem Punkt ganz einfach deinem Herzen. Wer eine schöne Schrift hat, mag sicherlich lieber den benutzen, als jemand, der handschriftlich eher mit Doktor-Hieroglyphen daherkommt. Wer seine zehn Finger nutzt, präferiert vielleicht eher die digitale Methode.
Ich nutze beide Methoden. Täglich nutze ich eine App, in der ich die wichtigsten Ereignisse des Tages und meine Gedanken dazu aufschreibe. Die von mir verwendete App, die auf dem Apple Mac (ich bin Apple-User) und dem iPad und iPhone läuft, ist „Diarly“. Vorteil: Ich tippe meinen abendlichen Tagebucheintrag in den Mac. Und wenn mir später was Ergänzendes einfällt, kann ich es im iPad oder iPhone vervollständigen. Die App wird auf allen Geräten synchron gehalten. Ich kann, wenn vorhanden, ein oder mehrere Bilder einfügen.
Vorteil dieser Methode für mich: Es vergeht k(aum)ein Tag, an dem das Schreiben vergesse. Denn eine elektronische Erinnerung mahnt mich zusätzlich.
Die analoge Tagebuchführung – mit Papier und Stift – ist für mich aber nicht obsolet. Das mache ich zusätzlich. Alle paar Tage nehme ich mir etwas mehr Zeit, mache es mir gemütlich und denke schriftlich über Dinge nach, die mich bewegen. Ich empfinde es sehr beruhigend, diese Art Achtsamkeit zu pflegen.
Was Materialien angeht, bin ich sehr anspruchsvoll. Ich verwende einen schönen, griffigen Füller, oder Füllfederhalter, der sanft übers Papier gleitet, und mich zu einer schöneren Handschrift bringt. Meine Handschrift war schon in der Schulzeit unterirdisch schlecht. Durch das regelmäßige handschriftliche wird sie leserlicher. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann vielleicht sogar schön werden könnte. Man wird ja wohl träumen dürfen.
Das Buch soll haptisch angenehm sein, schön anzufassen, optisch ansprechend. Und das Papier muss die Tinte aufnehmen und nicht durchsickern lassen. Dazu sind Papierstärken von 120gr/qm das Minimum. 80gr/qm ist einfach zu dünn. Die Tinte suppt durch. Das Schriftbild leidet. Der Farbton ist chamoix, also leicht beige. Das ist angenehm und unterstreicht optisch die Gemütlich- und Behaglichkeit des Moments. Alles soll zueinander passen.
Vertraulichkeit
Wie ich schon weiter oben schrieb, muss sicher sein, dass deine Gedanken dir gehören und dass neugierige Blicke ausgesperrt bleiben. Erst dann ist das Medium, Papier oder Computer-App, ein Partner, dem du uneingeschränkt vertrauen kannst und über Vertrauliches „reden“ kannst. Hier kannst du alles rauslassen, was dich freut, quält, beunruhigt, nervt, ohne dass du Angst haben musst, dafür verurteilt zu werden.
Was soll ich schreiben?
Angedeutet habe ich es schon etwas weiter oben. Du kannst alles schreiben. Vorwiegend ist das Journal oder Tagebuch für Gedanken, die dich beschäftigen, in denen du dich selbst reflektierst, gewissen Gedankengänge analysierst, Entscheidungen, die du noch nicht gefällt hast. Worüber bist du dankbar? Nenne jeden Tag einige Dinge. Was gefällt dir? Was ist dir heute gelungen? Erwähne täglich mindestens einen oder zwei Punkte, die schön waren. Auf diese Weise schulst du deinen Blick auf die schönen Dinge, die es gibt.
Das Tagebuch kann dich unterstützen, am Leben zu lernen und zu wachsen. Dies tun erwachte, bewusst Lebende, um ihre Erkenntnisse festzuhalten. Dies tun bewusste Frauen und auch Männer.
Bist du gesundheitlich eingeschränkt? Dein Tagebuch kann dir helfen, dich auf das zu konzentrieren, was du kannst. Es kann dich ablenken von dysfunktionalen Gedankenspiralen, die sich darum drehen, was du nicht kannst.
Warum schreibe ich Tagebuch?
Wie ich in diesem Blog schon ausführte, habe ich ein paar Dauerbaustellen. Seit Kindheit bin ich ADHS. Der ADSler hat im Kopf dauernd das Kino an. Abstellen ginge mit Drogen, und die will ich nicht. Also muss ich versuchen, das Gedankenfeuer in eine bestimmte Richtung zu leiten. Ein Mittel hierzu liest du gerade: Dieser Blog. Das andere Mittel ist das Tagebuch, analog wie auch digital.
Die Dauerbaustelle, die sich später bemerkbar machte, ist die Depression. Ich leide seit über 18 Jahren darunter, habe aber, nicht zuletzt mithilfe des Tagebuchs, gelernt mit der Depression zu leben. Mehr will ich hier nicht ausführen. Das tue ich in einem anonymen Blog.
Ich weiß, dass andere durch das Journaling, also mit dem Tagebuch, menschlich wachsen und eine Resilienz gegenüber Depressionen aufbauen.
Vielleicht hätte ich doch früher anfangen sollen, Tagebuch zu schreiben?
Auf den Tag genau ist es heute, am 01.11.2022, ein Jahr her. Da wachte ich mittags in der Intensivstation der Herzklinik Bad Segeberg auf. Knapp fünf Stunden vorher hatte mich der Pfleger in den OP gerollt.
Um darauf zu kommen, was mich dorthin gebracht hatte, möchte ich etwas ausholen und die Uhr um einige Monate zurückdrehen.
Beschwerden
Es war Anfang März. Im Monat davor starb meine Mutter. Nach mehreren kleinen, wie ihr Arzt es ausdrückte, zerebralen Ereignissen erlitt sie ihren letzten und schweren Schlaganfall. Sie starb fünf Tage später mit fast 93. Nicht nur der Verlust der Mutter, sondern auch viele, teilweise Nerven aufreibende Formalitäten haben mich sehr belastet. Haushaltsauflösung, Auflösung der Bankkonten, Erbschaft u.v.m..
Nach einem Spaziergang zum nahen Einkaufszentrum stand ich z. B. in der Postfiliale, um Mutters Postbank-Konto aufzulösen. Mitgebracht hatte ich, wie ich meinte, die gültige Vollmacht und meinen Personalausweis. Der Ausweis war gültig, die Vollmacht nicht. Also schnell nach Hause, um die korrekte Bankvollmacht zu holen. Entfernung war gut 1 Kilometer. Ich hatte es ja eilig und legte einen flotten Schritt hin.
Auf der halben Strecke merkte ich einen dumpfen Schmerz in der Brust, der mich anfangs beunruhigte. Nachdem ich mein Tempo verlangsamt hatte, ließen die Schmerzen nach. Zu Hause schnell das richtige Schriftstück eingesteckt, und wieder zurück zur Post. Diesmal nahm ich es mit etwas mehr Ruhe, und so kam der Schmerz auch nicht wieder. Allmählich verdrängte ich das Ereignis.
Der Frühling kam, und gelegentlich meldete sich dieser leicht schmerzhafte Druck wieder. Als es später wärmer wurde, hatte ich den Eindruck, die Wärme würde das begünstigen. Und wenn es frischer war, hatte ich keine Probleme.
Urlaub
Mitte Juni fuhren wir in unseren Sommerhausurlaub. Für uns immer eine schöne Gelegenheit für ausgedehnte Spaziergänge mit viel Natur und Ruhe. Durch die Dünen an die Nordsee, den Strand entlang zum Fischerort, an dem wir immer gern etwas Zeit verbringen. Ich fotografiere dort immer gern die angelandeten Boote, Wolken, Wellen, Möwen und Leute.
So richtig Spaß machten mir die Spaziergänge diesmal aber nicht. Aber auch da dachte ich, der Druck in der Brust sei der Wärme geschuldet.
Auch die späteren Spaziergänge zu Hause waren beeinträchtigt. Je wärmer es war, desto mehr Schmerzen hatte ich.
Im Spätsommer waren wir nochmal in Dänemark, und es war ähnlich. Freude an der Bewegung fühlt sich anders an.
Der Entschluss
Im September, als es frischer wurde, und die Symptome sich zwischendurch immer noch meldeten, fasste ich einen „mutigen“ Entschluss. Ich sprach zunächst mit meiner Hausärztin und schilderte ihr meine Beobachtungen. Sie machte ein EKG, das aber keine Auffälligkeiten zeigte, und drückte mir eine Überweisung zum Kardiologen in die Hand.
Da war ich noch nie, wusste aber einen in meiner Nähe, und meldete mich an. An dem Termin, einem sonnigen, milden Tag fuhr ich mit dem Fahrrad hin. Trotz der frischen Temperaturen und trotz dieser geringen Belastung (die zwei kurzen Kilometer ohne jegliche Steigungen) meldeten sich die bekannten Schmerzen in der Brust zurück.
Beim Kardiologen
Der Kardiologe machte nach einem Vorgespräch ein weiteres EKG, diesmal unter Belastung. Auf dem Ergometer liefen die ersten leichten Umdrehungen ohne Probleme. Mit zunehmender Belastung spürte ich wieder die bekannten Schmerzen, wegen der ich ja da war.
Auch das Belastungs-EKG war ohne große Auffälligkeiten, sodass man mir eine Herzkatheter-Untersuchung (Koronarangiografie) empfahl. Die wollte der Arzt in der Flensburger Diako selbst durchführen. Ich fuhr nach Hause mit einem mehrseitigen Schriftstück, das diesen Eingriff dezidiert beschrieb.
Das Kind hatte jetzt endlich einen Namen: Angina Pectoris. Welche Ursache die hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Und was ist mit Blut?
Hierzu muss ich erklären, dass ich seit vielen Jahren Zeuge Jehovas bin und Bluttransfusion auf keinen Fall akzeptieren würde. Deshalb beunruhigte mich die in der Beschreibung enthaltene Passage, im Falle einer notwendigen Operation würde ich per Hubschrauber oder Krankenwagen in die Universitätsklinik Kiel gebracht. Dort würden die operierenden Ärzte schon auf mich warten.
Warum beunruhigte mich das? Ich wusste, dass es in der Uniklinik Kiel keinen Arzt gab, der meinen Wunsch, blutlos operiert zu werden, akzeptiert hätte. Deshalb wandte ich mich an einen kooperativen Kardiologen der Imlandklinik in Rendsburg. Der würde mich im Fall einer OP nicht nach Kiel schicken. Ihn kontaktierte ich und erhielt einen Termin für das Vorgespräch, das der Untersuchung vorangehen sollte.
Imlandklinik
Das Gespräch fand am 12. Oktober statt und dauerte gut zwei Stunden. Mir wurde alles erklärt. Und ich wusste nun genau, worauf ich mich einließ. Im Stillen hoffte ich immer noch, dass man mir dort in die Verengungen der Herzkranzgefäße einen oder zwei Stents einsetzen könne, damit der Saft wieder ungehindert durchfließen kann. Dieser Gedanke nahm mir wochenlang die Angst vor einer schweren OP.
Am Folgetag sollte ich mich zur Aufnahme einfinden, und dann würde die Koronarangiografie durchgeführt, und zur Beobachtung sollte ich eine Nacht dort bleiben.
Koronarangiografie
Dann kam der große Moment. Ich musste mich für den Eingriff vorbereiten. Die Kleider und Sachen in einen großen Beutel. Dann wurde ich in den Raum geführt, wo die Geräte schon angeschaltet waren.
Ich bekam ein Mittel, dass mir Angst und Unruhe nahm. Die Zugänge für Kontrastmittel und Sonde wurden gelegt. Der Arzt wählte den Zugang für die Sonde durch die Arterie des rechten Arms.
Er erzählte mir lächelnd, wenn die Sonde das Herz erreicht, freut es sich und zappelt etwas vor Freude, weil es Besuch kriegt. Das kam auch so, ein leichtes Holpern meines Herzens verriet mir, dass das in dem Moment passiert war. Fühlt sich wie eine Extra-Systole an, die meist harmlos ist.
Dann wurden die Aufnahmen gemacht. Das Kontrastmittel kam in die Gefäße, und ich konnte, weil das bei vollem Bewusstsein geschah, das ganze Szenario auf dem Monitor beobachten. Und weil mir alles ohne fachliche Erläuterungen wenig sagte, teilte der Arzt seine Beobachtungen mit mir.
Es wären keine Verengungen der Herzkranzgefäße, sondern Verschlüsse, sogenannte Stenosen. Drei an der Zahl. Bei denen wäre es nicht möglich, Stents zum Erweitern zu setzen. Es müsste operiert werden. Und da er meine Haltung in puncto Bluttransfusion kannte, ich hatte es in den Vorgesprächen erläutert, meinte er: „Und für Sie als Zeuge Jehovas kommt wohl nur Bad Segeberg infrage.“. Jetzt war es amtlich.
nach der Herzkatheter-Untersuchung
Am nächsten Tag wurde ich entlassen und fuhr nach Hause. Im Bekanntenkreis hörte ich in Gesprächen, dass auch bei der extremen Sachlage ein Stent durchaus infrage käme. Das könnten die Herzfachleute in Segeberg viel besser beurteilen. Okay, die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt. Ich hegte sie also weiter.
Den schriftlichen Befund gab ich in der Flensburger Kardiologiepraxis ab und bat, mich an die Herzklinik Bad Segeberg zu überweisen und einen baldigen Aufnahmetermin zu veranlassen.
Der Anruf
Wenige Tage später, es war Donnerstag, erhielt ich einen Anruf aus der Herzklinik. Der Kardiologe musste mächtig Druck gemacht haben. Später sagte man mir, der Befund wäre sehr beeindruckend gewesen.
Die nette Anruferin bat mich, mich am Montagmorgen um 8 Uhr kommender Woche in Bad Segeberg vorzustellen und alles für die Aufnahme mitzubringen. Ich war sehr unruhig. Montag schon? WOW! Ich konnte kaum denken. Nur, dass das extrem schnell war. „Geht es etwas später?“, fragte ich. Sie nannte mir dann Donnerstag darauf, und ich stimmte zu. Ein paar Tage Bedenkzeit fand ich angemessen und angenehm. Außerdem musste noch ein Corona-Test (PCR) gemacht werden, der bis zur Aufnahme gültig sein musste.
Herzklinik Bad Segeberg
Dann kam der fragliche Tag. Ich sollte das Aufnahmeprocedere absolvieren und am Freitag operiert werden. Pünktlich um 8 Uhr waren wir in der Klinik. Wegen der Pandemiebeschränkungen konnte ich mich von Astrid, meiner lieben Frau, nur noch ganz kurz am Eingang verabschieden. Das war sehr traurig für uns beide.
Gleich zu Anfang wurde mir erklärt, dass man versucht hätte mich anzurufen, hätte mich aber nicht erreicht. Es wären nämlich Notoperationen dazwischengekommen. Und meine OP müsse auf den nächsten Arbeitstag verschoben werden. Nächster Arbeitstag bedeutet am Freitag, dass die OP erst am Montag wäre. So konnte ich mich das ganze Wochenende darauf „freuen“. Das Krankenhaus durfte ich quasi als Hotel benutzen.
Okay, die sich langsam verabschiedende Oktobersonne hatte noch ein paar wärmende Strahlen für mich übrig. Und der Segeberger See lud zu manchem Spaziergang ein. Ich konnte die Ruhe am See fast genießen. Aber so richtig zum genießen, war mir vor dem Eingriff nicht zumute. Aber nun war ich schon mal da und machte das beste aus meiner Situation.
Mit mehreren Ärzten sprach ich über das, was mich erwarten würde. Sehr interessiert zeigten sie sich, wie ich persönlich zu der Entscheidung von Zeugen Jehovas stand, mich unter allen Umständen gegen Bluttransfusionen zu entscheiden. Ich betonte, dass es kein Zwang wäre, auch keine kollektive, sondern meine persönliche Entscheidung war, weil ich Gottes Geboten gegenüber gehorsam sein wollte.
Gott hat an verschiedenen Stellen in der Bibel geboten, kein Blut zu essen, oder wie es in der urchristlichen Gemeinde hieß, „sich von Blut zu enthalten“. Ich erklärte es so: Ich hätte einen mächtigen besten Freund. Wenn ich dem unter allen Umständen gehorche und deshalb sterben müsse, würde er mich aus dem Grab wieder auferwecken und wiederherstellen: Jehova Gott, unser Schöpfer.
Offenbar hatte sie mein offener Blick und der feste Ton in meiner Stimme überzeugt. Es kamen keine Fragen mehr zu dem Thema.
Dennoch war ich alles andere als ruhig.
Sonntag: Tag vor der OP
Der Countdown lief. Am Sonntag begrüßte mich auf dem Nachttisch eine Schale mit interessanten Utensilien und einer detaillierten Beschreibung, was und wann mit den verschiedenen Sachen zu machen wäre. Ein sexy OP-Hemd mit Punkten, wovon ich schon immer (alb)geträumt hatte. Eine Lotion, mit der ich mindestens zweimal duschen sollte.
Eine Schwester rasierte meine Körperbehaarung komplett weg. Die Vorstellung von einem Nacktmull drängte sich mir auf. Hiervon existieren KEINE Bilder. 😉
Langsam kroch die Angst in mir hoch. Am Abend erhielt ich ungefragt eine Tablette Tavor. Die löste die Angst („Comfortably Numb“), und ich konnte bis zum Morgen durchschlafen.
Tag der Operation
Es war so weit. Der Tag X war da. Glücklicherweise wirkte das Beruhigungsmittel noch. Meine Sachen hatte ich eingepackt, weil ich nach der Operation drei Tage auf der Intensivstation verbringen sollte.
Bald nach dem Einfahren in den OP war ich betäubt und weg. Die Operation lief.
Beispielbild Operation
Vor der Operation war mir erklärt worden, wie sie ablaufen würde. Das Sternum, also der Mittelteil des Brustkorbs, würde aufgesägt, die Rippen nach außen gedehnt, so dass die operierenden Ärzte freien Zugang hätten. Da der Brustkorb zusammen mit dem Zwechfell die Atmung bestimmt, und man am Herzen operieren soll, müssten die Funktionen von Herz und Lunge während des Eingriffs von einer Herz-Lungen-Maschine übernommen werden.
Der Chefarzt der Chirurgie hatte mir vorher freudig erzählt, dass er von den nicht dringend gebrauchten Gefäßen des Herzkranzgefäßsystems welche wegnehmen und für die drei Bypässe verwenden würde. Das hätte den Vorteil, dass mir Einschnitte in das Bein oder in den Arm erspart bleiben würden. Genau so hat er es bei der Operation gemacht.
Später erfuhr ich, dass andere Patienten mit solchen Narben an Arm oder Bein noch lange Probleme hatten. Als im Vorgespräch die Arm-Arterie erwähnt wurde, hatte ich Bedenken angemeldet, ob das die Motorik für mein Gitarrenspiel beeinträchtigen könnte. Ob das den Chirurgen motiviert hat, nach Alternativen zu suchen und eine, aus meiner Sicht, so genialen Lösung zu finden, werde ich nie zu wissen kriegen.
Nach der OP
Um die Mittagszeit wachte ich zum ersten Mal auf. Ich hatte nicht viele Schmerzen, aber am Körper und Hals waren Pflaster, Verbände, Kabel, Schläuche befestigt … Ich schlief sofort wieder ein.
Am Abend wachte ich wieder auf und war etwas klarer. Ich wusste, dass Astrid, meine liebe Frau, wie auf Kohlen saß und wissen wollte, wie es mir ging. Da ich mich nicht richtig bewegen konnte, ließ ich mir mein iPhone geben und rief sie an. Ich konnte ihr mitteilen, dass die OP gut verlaufen war und dass ich mich einigermaßen gut fühlte. Meine Stimme klang wohl sehr schwach. Logisch, weil ich kaum atmen konnte. Der Brustkorb schmerzte bei jedem Einatmen.
Damit ich genügend Sauerstoff bekam, sorgte ein Schlauch unter der Nase für zusätzlichen Sauerstoff. Das war sehr angenehm. Musste ich Husten, war der Schmerz im Brustkorb fast unerträglich. Die durchgesägte Stelle im Sternum war mit Metallklammern geschlossen worden. Diese Klammern sind heute noch drin und bleiben wohl auch dort. Es sei denn, sie machen sich bemerkbar, was bis jetzt nicht der Fall war.
Damit die Freunde auch wussten, wie es um mich stand, setzte ich noch einen WhatsApp-Status ab. Auf dem Bild hob ich die rechte Hand und machte mit dem Zeige- und Mittelfinger das V-Zeichen, womit ich sagen wollte „I’m Staying Alive!“.
Das Gröbste war überstanden. Der Raum in der Intensivstation ließ an Behaglichkeit arg zu wünschen übrig. Alles voller Schläuche, Kabel und Geräte.
Original-Selfie von meinem Bett. Meinen Anblick möchte ich den Lesern hier ersparen.
Das Treiben um mich herum war auch unruhig. Und ein kurdischer Patient konnte sich nicht ansatzweise verständigen. Er sprach kein Wort Deutsch und konnte seine Wünsche nicht formulieren. Das Pflegepersonal musste raten, was er wollte.
Am zweiten Tag gab es noch mehr Unruhe durch einen Neuzugang, die ich hier aber nicht näher ausführen möchte.
Ein extrem schmerzhaftes kurzes Ereignis möchte ich aber doch noch erwähnen.
Über meinem Bauchnabel waren vier Öffnungen für Schläuche, über die Wundsekret abfloss. Die blieben bei anderen Patienten noch einige Tage drin. Bei mir sollten sie noch vor dem Verlassen der Intensivstation entfernt werden. Das ging im Prinzip sehr einfach.
Vor dem Schlauch Ziehen wurde ich gebeten tief einzuatmen. Mit den Klammern im Brustkorb war das eine enorme Anstrengung, die mit großen Schmerzen verbunden war. Nach dem Einatmen ganz stark ausatmen. Auch das war kaum möglich. Im Moment des Ausatmens riss der Pfleger am Schlauch, und der war draußen. Das wiederholte sich noch dreimal. Die Schmerzen waren so heftig wie kurz. Dann war ich alle Schläuche los und die Schmerzen vergessen.
Ich war froh, dass ich nicht die Pumpen vor mir herfahren musste, die das Zeugs absaugten. Übrig blieb neben den verbundenen Schlauchöffnungen eine, durch die das Herzschrittmacherkabel ging, das von außen bis in die Herzkammer reichte.
Eine Physiotherapeutin drückte mir einen „Atemtrainer“ in die Hand, ein Etwas, das wie ein Spielzeug anmutete, mit dem ich das Atmen neu erlernen sollte. Mehrmals täglich. Das Ding begleitete mich die nächsten zwei Wochen.
Normalstation
Am dritten Tag kam ich wieder auf ein Zimmer in der Normalstation. Ich musste den bereits erwähnten Herzschrittmacher mit mir herumtragen, der im Falle einer unregelmäßigen Herztätigkeit aktiviert würde. Das wurde er nicht, aber der Gang zum WC war damit sehr umständlich. In den folgenden vier Tagen auf der Normalstation wurden mehrere Zugänge am Hals entfernt, die für den Notfall für eine Medikamentengabe vorsorglich verblieben waren.
Da der Akku vom Herzschrittmacher sowieso fast leer war, wurde mir auch das Kabel entfernt. Ich konnte merken, wie das Kabelende Zentimeter für Zentimeter von der Herzkammer durch den Oberkörper gezogen wurde.
Alle Schläuche und Kabel draußen!
Bei der Gelegenheit bekam ich Bescheid, dass sich am Montag meine Reha nahtlos anschließen würde. Auf die werde ich hier nicht näher eingehen.
Nur kurz: Vorträge, viele Untersuchungen, Spaziergänge mit unterschiedlichen Belastungen, Sport, Krafttraining, Anwendungen. Viele Termine. Die Verpflegung war sehr gut, und in den Essenszeiten lernte ich interessante Menschen kennen, zu denen ich heute noch Kontakt habe.
Ich war sehr glücklich, dass ich recht schnell wieder Spaziergänge machen und den Sport in der Reha machen konnte, ohne dass mich Brustschmerzen beunruhigten.
Alles ging schnell voran, und ich konnte noch vor dem regulären Ende der geplanten Reha nach Hause entlassen werden. Am Mittwoch morgen verabschiedete mich die Ärztin, Frau Dr. Bolck mit den Worten, sie wolle mich hier nie wiedersehen. Da sie ansonsten sehr freundlich zu mir gewesen war, konnte ich ihren Wunsch richtig einordnen.
Am selben Morgen, dem 24.11.2021 fuhr das Taxi vor, und meine ersehnte Rückfahrt begann.
Wie ging’s weiter?
Die Nachsorge wurde durch den Hausarzt und Kardiologen vorgenommen. Als erstes hat der Kardiologe per Ultraschall untersucht, ob der Rest Wasser im linken Lungenflügel verschwunden war. Er war weg! Ich atmete in zweifacher Hinsicht auf.
In den Wochen darauf wurde mir langsam bewusst, was das eigentlich war. Eine sehr schwere Operation, bei der ich hätte sterben können. Das hat mich noch einige Wochen lang mental belastet. Schon früh wusste ich, ich müsste mein Erlebnis schriftlich festhalten, um es hoffentlich abschließend zu verarbeiten.
Wie geht es mir heute?
Ich erinnere mich immer noch lebhaft an die Zeit vor der OP zurück. An Spaziergänge, das Treppensteigen, kurze Radfahrten, also geringe Anstrengungen, bei denen sich mein Herz mit Druck in der Brust bemerkbar machte.
Heute unternehme ich Radtouren, bei denen ich auch längere Strecken steil bergauf fahren muss, lange Spaziergänge, meide den Lift bei uns im Haus, steige mühelos die vier Stockwerke per Treppe hinauf. Bei sowas pumpt das Herz ganz schön, aber seit meiner Entlassung hat sich die Angina Pectoris kein einziges Mal zurückgemeldet. Und das macht mich sehr glücklich.
Fazit und Mahnung
Ich will hier nicht den Helden geben. Nicht so tun, als hätte ich jederzeit mutig und aufrechten Ganges der Gefahr ins Auge gesehen. Der möglichen Konsequenzen war ich mir sehr bewusst.
Aber den großen Knall, irgendwann von einem Herzinfarkt überrascht zu werden, wollte ich auch nicht haben. Auch wollte ich meine liebe Frau nicht durch Ignoranz ihrer berechtigten Mahnungen noch mehr beunruhigen. Mich zu überwinden, hat sich gelohnt. Deshalb:
„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Das ist einer von vielen Sprüchen, mit denen „echte Männer“ den notwendigen Gang zum Arzt auf die lange Bank legen und Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat nach hinten schieben – bis irgendwann der große Knall kommt.
Wie ich nach meiner OP und nach der Entlassung aus der Herzklinik erfuhr, stirbt bei einem Herzinfarkt ein großer Teil des Herzmuskelgewebes ab. Das erholt sich nie wieder. Okay, ich hätte früher reagieren können oder müssen. Trotzdem war ich noch rechtzeitig dran. Die Untersuchungen waren immer noch vorsorglich. Und dadurch blieben mir die Folgen eines Infarkts erspart.
Versuch nicht, die starke Frau oder der starke Mann zu sein. Schmerzen, vor allem die, die sich als reproduzierbar erweisen, sind Alarmsignale, die gehört und beachtet werden wollen!
Seit 1974 spiele ich Gitarre. Meine erste Gitarre war eine Eko Ranger VI, eine günstige, wenn nicht sogar billige italienische Gitarre in Dreadnought Größe. Unser Sohn Michael hat die jetzt in Hannover stehen und spielt sie noch ab und zu. 1998 ergatterte ich eine günstige Martin DM, die ich vor vier Jahren verkaufte. Da fing ich nämlich an, intensiv Finger-Style zu spielen. Seit dem ich Gitarre spiele, picke ich die Saiten immer mal wieder mit den Nägeln der rechten Hand. Peinlich nur, wenn beim handwerklichen Arbeiten ein Nagel gebrochen ist. Okay, da ich keine öffentlichen Konzerte gebe, ist das kein großes Unglück. Aber nerven tut es doch. Und eine zeitlang hatte ich die Nägel schon ziemlich lang. Das war dann beim Pianospiel oder Tippen auf der Computertastatur hinderlich. Links waren die Nägel sowieso permanent fast auf Null runtergeschnitten. Sonst kann ich die Saiten nicht greifen. Links kurz, rechts lang. Mancher erkennt daran den geneigten Gitarristen. 😉
Da die rechten Nägel gelegentlich nervten, interessierte ich mich für Alternativen. Es gibt diverse Fingerpicks im Handel. Die probierte ich, verwarf sie doch schnell wieder, weil es leicht war, sie einfach wieder abzunehmen und wieder wie gewohnt zu spielen. Die besten waren die Atlas-Picks, für die man an der Zupfhand etwas längere Nägel braucht, weil die natürlichen Nägel die Atlas-Pick hielten. Ich will nicht näher drauf eingehen, weil ich auch die für immer verworfen habe. Sonst hätte ich Bilder hinzugefügt.
Neugierig wurde ich, als ich verschiedene Gitarristen sah und hörte, die Finger-Style mit den Fingerkuppen spielen. Z.B. Adam Rafferty. Der erzählte in einem Interview, dass er öfter einen Nagelbruch kurz vor einem Konzert hatte. Da musste er natürlich eine Maniküre aufsuchen, die ihm mit einer Verlängerung des gebrochenen Nagels half. Irgendwann half er sich langfristig selbst und gewöhnte sich die Fingernägel ab. Es dauerte eine Weile, in der er nicht so sauber spielen konnte. Aber irgendwann stellte er seinen Stil auf die neue nagellose Technik um und hatte nie wieder Probleme.
Warum erzähle ich das so ausführlich?
Das Thema Fingernägel hat mich lange beschäftigt. Ich habe sie sukzessive auf eine kürzestmögliche Länge runtergefeilt. Bei gut 1mm überm Nagelbettrand hörte die Kontrolle auf. Ich war überrascht, wie schnell ich mich an die kurzen Nägel gewöhnt hatte. Auch war so das Schreiben mit der Tastatur und das Piano Spielen viel angenehmer.
Dennoch fragte ich mich, ob ich es nicht doch mit blanken Fingerkuppen schaffen könnte, wirklich gut Finger-Style zu spielen. Ein weiterer Gitarrist fiel mir auf. David Munyon. Er spielte offenbar auch mit den Fingerkuppen. Mein Mut wuchs. Und Ende Januar packte es mich. Ich klippte die Nägel bis auf den Nagelbettrand runter.
Der erste Versuch, mit den Fingerkuppen zu zupfen, ließ mich entsetzen. Es ging fast gar nichts. Ich bereute meinen mutigen Schritt wieder. Das kommunizierte ich auch in einem Musikerforum. Einige Gitarristen aus dem Forum machten mir Mut, viel Geduld aufzubringen. Sie hätten es auch geschafft.
So machte ich weiter und bemühte die Kuppen. Es war wie Achterbahn. Mal ging es gut, mal weniger. Vor allem konnte ich manche Stücke fast gar nicht mehr spielen. So ließ ich die Nägel wieder wachsen.
Da ich das ganze Experiment im Musiker-Board diskutiert hatte, habe ich heute, sechs Wochen nach Beginn dort als für beendet erklärt.